Das Turiner Grabtuch zeigt den Leib eines gegeisselten und gekreuzigten Mannes; das Antlitz von Manoppello erscheint auf einem feinen durchscheinenden Tuch. Diese erhaltenen Gegenstände erlauben Untersuchungen, die über eine Betrachtung von Fotografien hinausgehen. Fachleute prüfen das Gewebe, die Beschaffenheit des Bildes und seine optischen Eigenschaften.
Die Verfahren ergänzen einander: Spektroskopie untersucht die Wechselwirkung mit Licht, Mikroskopie die Fasern und Bildschichten, chemische Analysen die vorhandenen Substanzen. Hinzu kommen die Geschichte des Gegenstandes und seine Datierung. Der folgende Prüfweg erklärt die einzelnen Ergebnisse und wie sie sich zu einem Gesamtbild verbinden.
Bildträger, Bildsubstanz und Bildgestalt
Bei einem Abbild werden Bildträger, Bildsubstanz und Bildgestalt gemeinsam untersucht. Besonders wichtig ist der Vergleich von Bildstellen mit bildfreien oder unverfärbten Bereichen desselben Trägers. Die Untersuchung muss klären, ob aufgetragene Farbe vorliegt, ob sich die Faser selbst verändert hat und wie tief die Veränderung reicht. Ein einzelner Pigmentfund genügt nicht als Erklärung des gesamten Bildes: Er kann eine Überarbeitung oder Verunreinigung betreffen. Umgekehrt beweist ein ergebnisloser Pigmenttest nicht, dass jede natürliche oder handwerkliche Entstehung ausgeschlossen ist.
Was die Untersuchungen am Turiner Grabtuch tatsächlich zeigen
Die Untersuchungen der Forschungsgruppe STURP von 1978 kombinierten Fotografie, Mikroskopie und unterschiedliche physikalische und chemische Verfahren. Schwalbe und Rogers beschrieben die Körperabbildung als oberflächennahe Gelbfärbung von Leinenfasern und deuteten sie als Veränderung der Zellulose, des Gerüststoffs der Pflanzenfasern. Eine gewöhnliche aufgetragene Pigmentschicht erklärte ihre Befunde nicht. Zugleich hielten sie ausdrücklich fest, dass kein einzelner von ihnen geprüfter Mechanismus sämtliche Beobachtungen ausreichend erklärte. Das ist ein wichtiger positiver Befund für die Besonderheit des Bildes, aber kein experimenteller Nachweis eines übernatürlichen Vorgangs.[2]
Heller und Adler untersuchten getrennt davon Material aus den rötlichen Spuren. Sie berichteten Hämoderivate, also Umwandlungsprodukte des zum roten Blutfarbstoff gehörenden Häm-Moleküls, sowie Gallenfarbstoffe und Eiweisse und deuteten die Kombination als Blut. Körperbild und Blutspuren sind also verschiedene Befundgruppen. Ihre Untersuchung stützt die Blutdeutung; sie weist nicht die Person Jesu durch einen biologischen Identitätsvergleich nach. Auch die genaue Bedeutung einzelner Verletzungsformen verlangt eine eigene rechtsmedizinische Beurteilung.[3]
Ein Entstehungsversuch muss an denselben Merkmalen gemessen werden wie das Original: Verteilung und Tiefe der Färbung, Verhalten der Fasern, Vorder- und Rückseite, Bildschärfe sowie Verhältnis zu vorhandenen Flecken. Dass ein Versuch ein ähnliches Gesicht erzeugt, reicht ebenso wenig aus wie die Tatsache, dass er in einem Detail abweicht. Für eine belastbare Beurteilung sollten vorher festgelegte Kriterien, vergleichbare Aufnahmebedingungen und unabhängige Auswertungen verwendet werden.[2][1]
Die C14-Datierung sachlich einordnen
Drei Labore in Arizona, Oxford und Zürich untersuchten 1988 Teilstücke aus demselben entnommenen Randbereich. Das 1989 in Nature veröffentlichte kalibrierte, also an Vergleichsdaten angepasste Ergebnis lag bei 1260–1390 n. Chr. mit mindestens 95 Prozent statistischer Sicherheit für den angegebenen Zeitbereich. Damit liegt ein gewichtiger Befund gegen eine Datierung des untersuchten Leinens in die Zeit Jesu vor. Drei Labore sind eine wichtige Kontrolle der Messung; sie ersetzen jedoch keine über das gesamte Tuch verteilte Probenahme.[4]
Raymond Rogers argumentierte 2005 anhand von Faser- und chemischen Untersuchungen, das betreffende Material sei nicht repräsentativ für das ursprüngliche Tuch. Diese Kritik gehört in eine ernsthafte Diskussion. Sie hat die mittelalterliche Datierung aber nicht durch ein allgemein anerkanntes neues Datum ersetzt. Freer-Waters und Jull berichteten 2010 keine entsprechenden Hinweise auf eine Beschichtung oder Ersatzmaterial an ihrem Arizona-Fragment. Ihre 2026 veröffentlichte Untersuchung zweier archivierter Fragmente stützt erneut die Übereinstimmung mit dem Hauptgewebe. Sie ist eine Textilanalyse und keine neue Radiokarbonmessung.[5][6][7]
Eine erneute Datierung müsste deshalb Probenherkunft, Repräsentativität, Vorreinigung und mögliche Einträge offenlegen. Die blosse Möglichkeit einer Verunreinigung genügt nicht: Ihr Material, ihr Alter und ihre Menge müssten eine Verschiebung des Ergebnisses tatsächlich erklären können.
Manoppello eigenständig untersuchen
Das Antlitz von Manoppello wird auf einem sehr feinen, teilweise durchsichtigen Gewebe verehrt. Das Gesicht erscheint von beiden Seiten; Beleuchtung und Blickrichtung verändern seinen Eindruck. Optische Untersuchungen von De Caro, Matricciani und Fanti beschreiben die Fadenstruktur und erklären einen Teil dieser Erscheinungen durch Lichtdurchgang, Zwischenräume und Verformung des Gewebes. Damit können einzelne Eigenschaften physikalisch erklärt werden, ohne dass dadurch die vollständige Entstehungsgeschichte feststeht.[8]
Dieselben Forscher diskutieren in weiteren Arbeiten auch mögliche farbliche Veränderungen und Überarbeitungen. Deshalb sind Aussagen wie „nachweislich völlig pigmentfrei“, „sicher aus Muschelseide“ oder „jede menschliche Herstellung ausgeschlossen“ zu weitgehend, solange die dafür erforderlichen direkten Materialnachweise fehlen. Ein wissenschaftlicher Vergleich mit dem Turiner Antlitz benötigt dokumentierte Grössenverhältnisse und eine offen gelegte Bildverarbeitung. Eine nachträglich passend verzerrte Überlagerung wäre kein unabhängiger Identitätsbeweis.[9]
Verehrung und wissenschaftliche Echtheitsfrage
Ein verehrtes Bild führt die Betrachtung zu Christus; seine naturwissenschaftliche Untersuchung befasst sich mit dem erhaltenen Gegenstand. In der Turiner Ansprache von 1998 wurde diese Unterscheidung ausdrücklich festgehalten: Die historische Beziehung des Grabtuchs zum Begräbnis Jesu soll wissenschaftlich erforscht werden, ohne das Ergebnis vorher festzulegen. Die geistliche Bedeutung seiner Betrachtung wurde davon unterschieden.[10]
Auch der päpstliche Besuch in Manoppello 2006 war eine Wallfahrt und eine Betrachtung des Antlitzes Christi. Die Ansprache stellte keinen Laborbefund und keine technische Entscheidung über die Herstellung des Gewebebildes dar. Für die genaue kirchliche Einordnung eines Abbildes muss deshalb der Wortlaut der jeweiligen Entscheidung oder Äusserung genannt werden. Die Erlaubnis zur Verehrung bestätigt nicht automatisch jede veröffentlichte naturwissenschaftliche Behauptung.[11]
Quellen und Verfahrensdokumente
- [1] Forensic DNA Interpretation and Human Factors: Improving the Practice Through a Systems Approach
Forensische Qualitätssicherung; keine kirchliche Spezialvorschrift.
Quelle öffnen · nist.gov ↗ - [2] Physics and Chemistry of the Shroud of Turin: A Summary of the 1978 Investigation
Veröffentlichung der beteiligten Untersucher; archivierter Originalscan.
Quelle öffnen · shroud.com ↗ - [3] A Chemical Investigation of the Shroud of Turin
Mikrochemische Untersuchung von 1978 entnommenem Material.
Quelle öffnen · shroud.com ↗ - [4] Radiocarbon dating of the Shroud of Turin
Originalveröffentlichung der drei datierenden Labore.
Quelle öffnen · nature.com ↗ - [5] Studies on the radiocarbon sample from the shroud of turin
Originalkritik an der Repräsentativität der Datierungsprobe; nicht als unbestrittener Konsens darstellen.
Quelle öffnen · sciencedirect.com ↗ - [6] Investigating a Dated Piece of the Shroud of Turin
Zeitschriftenjahr 2010; die Onlineplattform nennt zusätzlich 2016. Gegenbefund zur Ersatzgewebe-/Beschichtungshypothese.
Quelle öffnen · doi.org ↗ - [7] Analysis of textile fragments from the 1988 radiocarbon samples of the Turin Shroud
Textilanalyse zweier archivierter Arizona-Fragmente; keine neue C14-Messung.
Quelle öffnen · nature.com ↗ - [8] Imaging Analysis and Digital Restoration of the Holy Face of Manoppello—Part I
Optische Untersuchung und digitale Bildauswertung durch die Autoren.
Quelle öffnen · mdpi.com ↗ - [9] Yellowing of Ancient Linen and Its Effects on the Colours of the Holy Face of Manoppello
Autoren diskutieren Alterung und mögliche farbliche Überarbeitung; keine gesicherte Datierung.
Quelle öffnen · mdpi.com ↗ - [10] Ansprache im Turiner Dom vor dem Grabtuch
Unterscheidet geistliche Betrachtung und wissenschaftliche Fragen der historischen Echtheit.
Quelle öffnen · vatican.va ↗ - [11] Pilgerfahrt zum Heiligtum des Heiligen Antlitzes in Manoppello
Primärquelle zur geistlichen Bedeutung der Wallfahrt; keine naturwissenschaftliche Echtheitsentscheidung.
Quelle öffnen · vatican.va ↗
