← Abbilder und PassionsreliquienWissenschaft und kirchliche Prüfung

Wie Reliquien untersucht werden

Herkunft, Material, Alter und kirchliche Verwahrung nachvollziehen.

Passionsreliquien bewahren die Erinnerung an Gegenstände, die mit dem Leiden und Begräbnis Christi verbunden sind. Alte Verzeichnisse, sichere Verwahrung und erhaltene Textilien machen ihre Geschichte untersuchbar. Am Sudarium von Oviedo und den Gewändern von Trier und Argenteuil greifen historische Forschung und Materialuntersuchung ineinander.

Dokumentation, Textilbestimmung, Datierung und gegebenenfalls Blutanalysen tragen unterschiedliche Belege bei. Für jeden Gegenstand werden diese Befunde zusammengeführt. Die kirchliche Überlieferung und die Untersuchungen erhalten dabei jeweils den Platz, der ihrer Aussagekraft entspricht.

Die Herkunft nachvollziehen

Die Prüfung beginnt mit den ältesten erreichbaren Nachrichten. Forschende unterscheiden ein zeitgenössisches Inventar, einen Bericht über eine Übertragung, eine spätere Abschrift und eine erst Jahrhunderte danach aufgezeichnete Überlieferung. Sie prüfen, ob die Beschreibung tatsächlich denselben Gegenstand meint: Material, Abmessungen, Beschädigungen, Aufbewahrungsort und zugehöriger Behälter können dabei helfen. Eine Lücke wird als Lücke sichtbar gemacht. Eine lange Verehrungsgeschichte belegt die Verehrung; sie allein schliesst die Lücke bis zum behaupteten Ursprungsereignis nicht.

Kirchliche Echtheitsurkunden, häufig Authentica genannt, Siegel und Inventare sind wichtige Bestandteile dieser Objektgeschichte. Sie werden zusammen mit ihrem Aussteller, Datum und genauen Aussageumfang gelesen. Eine Urkunde kann die rechtmässige Entnahme eines Fragments aus einem bestimmten Reliquiar bezeugen, ohne dadurch jede frühere Überlieferung dieses Reliquiars naturwissenschaftlich zu bestätigen.

Zuerst dokumentieren, dann untersuchen

Vor jedem Eingriff entsteht eine genaue Bestandsaufnahme: Vorder- und Rückseite, Massstab, Farben, Nähte, Falten, Flecken, Brandspuren, Ergänzungen und frühere Restaurierungen. Fotografien benötigen nachvollziehbare Beleuchtung und Farbkalibrierung. Sonst können Unterschiede der Aufnahme als Unterschiede des Gegenstandes erscheinen. Besonders empfindliche Textilien werden zuerst mit Verfahren untersucht, die keine Probe verbrauchen. Auch Licht, Wärme, mechanischer Druck und die Öffnung eines historischen Rahmens können konservatorisch relevant sein. Fachleute müssen Nutzen und Belastung deshalb vorab abwägen.[3][4]

Die Verfahren ergänzen sich. Getty beschreibt diese Verbindung von molekularen und elementaren Untersuchungen für Kulturgüter; aktuelle Textilforschung zeigt, wie Spektroskopie und Proteomik gemeinsam Material und Farbstoffe erschliessen. Eine Sammlung von Gerätenamen ersetzt jedoch keinen begründeten Untersuchungsplan. Für jeden Test muss vorher feststehen, welche konkrete Aussage damit geprüft werden soll.[3][4][5][6][7][11]

VerfahrenVerständlich erklärtAussage und Grenze
Lichtmikroskopie, auch mit polarisiertem, also gezielt ausgerichtetem LichtFasern, Fadenverdrehung, Gewebebindung und Auflagerungen werden stark vergrössert betrachtet.Kann Materialarten, Ergänzungen oder Fremdpartikel unterscheiden. Eine alte Webtechnik liefert allein kein enges Datum und keinen Personennamen.
Aufnahmen in ultraviolettem (UV), sichtbarem und infrarotem LichtVerschiedene Lichtbereiche machen unterschiedliche Stoffe und Veränderungen sichtbar.Können Bildzonen, Flecken und Überarbeitungen voneinander abheben. Eine fluoreszierende Stelle ist dadurch noch nicht chemisch identifiziert.
FTIR- und Raman-Spektroskopie: Stoffbestimmung mithilfe von LichtGemessen wird, wie Stoffe mit infrarotem Licht beziehungsweise Laserlicht wechselwirken.Liefert Hinweise auf Moleküle, etwa Bindemittel, Farbstoffe und Alterungsprodukte. Mischungen, starke Fluoreszenz und sehr geringe Mengen erschweren die Zuordnung.
Röntgenfluoreszenz, kurz XRFDie Messung zeigt, welche nachweisbaren chemischen Elemente am Messort vorkommen.Eisen kann zu Blut, Erde oder einem Pigment gehören. Ein Elementnachweis identifiziert noch keinen Stoff und erst recht kein Wunder.
Massenspektrometrie und ProteomikKleine Moleküle oder Bruchstücke von Eiweissen werden anhand ihrer Masse und Struktur untersucht.Kann bestimmte Proteine oder Tierarten näher bestimmen. Alterung, Vermischung und eingetragene moderne Stoffe müssen berücksichtigt werden.
DNA-AnalyseErhaltene Erbgutspuren werden vervielfältigt oder sequenziert und miteinander verglichen.Kann biologische Herkunft oder Mischungen untersuchen. Eine menschliche Spur kann ebenso von Berührung stammen; ohne gesicherte Vergleichsprobe ergibt sich daraus keine historische Personenidentität.
Radiokarbonanalyse, kurz C14Gemessen wird das Verhältnis radioaktiven Kohlenstoffs im untersuchten organischen Material.Datiert die Probe innerhalb eines an Vergleichsreihen angepassten Zeitbereichs. Ob diese Probe den ursprünglichen Gegenstand repräsentiert, ist eine zusätzliche Frage.

Eine Probe muss ihren Weg behalten

Ein abgelöster Faden ist nur dann aussagekräftig, wenn nachvollziehbar bleibt, woher er stammt. Zu dokumentieren sind Entnahmestelle, Zeitpunkt, beteiligte Personen, Werkzeuge, Verpackung, Transporte, Aufteilungen und Aufbewahrung. Jede Teilprobe erhält eine eindeutige Kennzeichnung. Kontrollen können unbelastete Bereiche, Verpackungsmaterial oder bekannte Vergleichsmaterialien umfassen. Eine Leerprobe durchläuft den Arbeitsgang ohne Untersuchungsmaterial und zeigt mögliche Einträge aus dem Labor.

Soweit die Aufgabe es erlaubt, sollen Untersuchende die erwartete religiöse Deutung nicht kennen. Solche Blinduntersuchungen vermindern den Einfluss von Erwartungen. Eine zweite Untersuchung wird besonders wertvoll, wenn ein unabhängiges Labor andere geeignete Methoden verwendet. Messunsicherheit, erfolglose Tests und widersprechende Resultate gehören ebenfalls in den Bericht. Diese Arbeitsweise folgt allgemeinen Grundsätzen forensischer Qualitätssicherung; sie ist nicht die Behauptung, dass historische Reliquienuntersuchungen sie immer vollständig erfüllt hätten.[8][9]

Blut ist eine eigene Untersuchungsfrage

Eine rötliche Verfärbung ist zunächst eine Beobachtung. Zum Blutnachweis gehören geeignete chemische oder molekulare Merkmale und deren Bestätigung durch andere Methoden. Ein einfacher Farbreaktionstest kann empfindlich sein, aber auch auf andere Stoffe reagieren. Ein Eisensignal allein reicht nicht. Bei alten Spuren können Abbauprodukte erhalten bleiben, während andere Merkmale verschwunden sind. Deshalb ist ein negatives Ergebnis nur im Zusammenhang mit Erhaltung, Nachweisgrenze und geprüfter Stoffmenge verständlich. Ein bestätigter Blutnachweis beantwortet wiederum noch nicht, wann und von wem das Blut auf den Gegenstand gelangte.[10]

Kirchliche Echtheitsprüfung und Schutz der Reliquien

Die Instruktion „Die Reliquien in der Kirche: Echtheit und Aufbewahrung“ von 2017 regelt insbesondere den Umgang mit Reliquien der Seligen und Heiligen sowie den sterblichen Überresten in laufenden Heiligsprechungsverfahren. Sie sieht kirchliche Zuständigkeit, protokollierte Erhebungen, Sachverständige und gesicherte Verwahrung vor. Ihr Anwendungsbereich darf nicht stillschweigend zu einem identischen Sonderverfahren für sämtliche Christusreliquien erweitert werden. Für Reliquien allgemein verbietet Canon 1190 den Verkauf; für bedeutende oder besonders verehrte Reliquien verlangt er die Erlaubnis des Apostolischen Stuhls bei dauerhafter Übertragung oder Veräusserung.[1][2]

Bei einer solchen kanonischen Erhebung, also einer amtlichen Prüfung der vorhandenen Reliquien, handeln beauftragte Verantwortliche, medizinische Sachverständige und Zeugen. Ein Notar protokolliert die Vorgänge. Frühere Dokumente und Siegel werden geprüft; am Ende werden Protokoll und Behälter gesichert. Das schützt die Identität und die würdige Aufbewahrung der Reliquie. Eine naturwissenschaftliche Aussage darf dabei nur so weit reichen wie die tatsächlich durchgeführte Untersuchung.[1]

Quellen und Verfahrensdokumente

  1. [1] Die Reliquien in der Kirche: Echtheit und Aufbewahrung

    Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse · 2017-12-08 · Einleitung; Teile I–II

    Amtliche Instruktion. Ihr unmittelbarer Gegenstand sind die dort benannten Heiligenreliquien und sterblichen Überreste in entsprechenden Verfahren.

    Quelle öffnen · vatican.va ↗
  2. [2] Codex Iuris Canonici, Canon 1190

    Katholische Kirche · 1983 · Canon 1190, §§ 1–3

    Amtliche deutsche Fassung; Schutz, Übertragung und Verkaufsverbot.

    Quelle öffnen · m.vatican.va ↗
  3. [3] Methodologies for Instrumental and Analytical Characterization

    Getty Conservation Institute · Abschnitte zu XRF und FTIR

    Methodische Erläuterung der untersuchenden Konservierungsinstitution.

    Quelle öffnen · getty.edu ↗
  4. [4] Preventive Conservation

    Getty Conservation Institute · Projekt- und Forschungsbeschreibung

    Erhaltung von Kulturgütern und Umwelteinflüsse.

    Quelle öffnen · getty.edu ↗
  5. [5] Investigation of Natural Dyes and Taxonomic Identification of Fibers Used in Chancay Textiles by Vibrational Spectroscopy and Mass Spectrometry

    Katja S. Diaz-Granados und Mitautoren · 2025-01-03 · Journal of Proteome Research 24/2, S. 710–728; DOI 10.1021/acs.jproteome.4c00809

    Originaluntersuchung historischer Textilien; Methodenbeispiel, keine Reliquienuntersuchung.

    Quelle öffnen · pubs.acs.org ↗
  6. [6] Palaeoproteomics and microanalysis reveal techniques of production of animal-based metal threads in medieval textiles

    Cristina Scibè und Mitautoren · 2024-03-04 · Scientific Reports 14, Artikel 5320; DOI 10.1038/s41598-024-54480-4

    Originaluntersuchung historischer Textilien; Proteinbestimmung und Verunreinigungen.

    Quelle öffnen · nature.com ↗
  7. [7] XRF Boot Camp for Conservators

    Getty Conservation Institute · Projektbeschreibung

    Nichtinvasive Röntgenfluoreszenzanalyse von Kulturgütern.

    Quelle öffnen · getty.edu ↗
  8. [8] Forensic DNA Interpretation and Human Factors: Improving the Practice Through a Systems Approach

    NIST Expert Working Group · 2024 · NISTIR 8503

    Forensische Qualitätssicherung; keine kirchliche Spezialvorschrift.

    Quelle öffnen · nist.gov ↗
  9. [9] DNA Mixture Interpretation: A NIST Scientific Foundation Review

    National Institute of Standards and Technology · 2024 · NISTIR 8351

    Mischspuren, Kontamination, Validierung und Aussagegrenzen.

    Quelle öffnen · nist.gov ↗
  10. [10] Study of the methodological system for blood residues with different degrees of degradation on artefacts

    Yawen Huang und Mitautoren · 2025-12-07 · npj Heritage Science 13, Artikel 635; DOI 10.1038/s40494-025-02213-9

    Originalversuche zur Untersuchung unterschiedlich veränderter Blutspuren.

    Quelle öffnen · nature.com ↗
  11. [11] Radiocarbon dating of the Shroud of Turin

    P. E. Damon und Mitautoren · 1989-02-16 · Nature 337, S. 611–615; DOI 10.1038/337611a0

    Originalveröffentlichung der drei datierenden Labore.

    Quelle öffnen · nature.com ↗
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