← UnverwestheitEinzeldossier · Hoffnung über den Tod hinaus

Cuthbert von Lindisfarne: Bedas Bericht und das Grab in Durham

Die erste Graböffnung von 698: Bedas Bericht über den erhaltenen und beweglichen Leib

Am 20. März 698 öffneten die Mönche von Lindisfarne Cuthberts Grab, um seine Gebeine umzubetten. Bedas Bericht beschreibt ihren überraschenden Fund nach elf Jahren: einen erhaltenen Leib mit beweglichen Gelenken und erhaltenen Gewändern. Die Brüder benachrichtigten Bischof Eadbert und bekleideten den Leib auf seine Anweisung neu. Die wesentlich späteren Untersuchungen in Durham bilden weitere Stationen seiner Geschichte.

Worum es in diesem Fall geht

Beda dokumentiert die erste Erhebung elf Jahre nach Cuthberts Tod: Die Mönche fanden einen ganzen Leib mit beweglichen Gelenken und erhaltenen Gewändern, obwohl sie Knochen erwartet hatten.

20. März 698: die erste Graböffnung nach elf Jahren

Beda beschreibt die Erhebung in seiner Kirchengeschichte und der Vita Cuthberts. Die Mönche öffneten den Steinsarg in der Kirche von Lindisfarne, um die erwarteten Gebeine in einen kleineren Behälter umzubetten. Sie fanden den ganzen Leib erhalten vor. Die Gelenke liessen sich bewegen, auch die Gewänder waren erhalten. Die erste Beobachtung unterschied sich damit deutlich von der erwarteten Zersetzung nach elf Jahren.[1][7]

Die Meldung an Bischof Eadbert

Die Brüder gingen zu Bischof Eadbert und berichteten ihm von ihrem Fund. Sie brachten ein Stück des Gewandes mit. Eadbert ordnete an, den Leib neu zu bekleiden und in den vorbereiteten Sarg zu legen. Beda verankert den Vorgang so in einer bestimmten Handlungskette: Öffnung, Untersuchung, Meldung an den Bischof und erneute Beisetzung. Er versteht die Erhaltung als göttliche Auszeichnung Cuthberts.[1]

Bedas Gewährsleute und die Prüfung seines Textes

Im Vorwort seiner Cuthbert-Vita erläutert Beda, dass er Menschen befragte, die Cuthbert gekannt hatten. Er legte den Entwurf unter anderem dem Priester Herefrid vor und liess ihn in der Gemeinschaft von Lindisfarne prüfen. Damit reicht seine Darstellung in die lebendige Erinnerung der Gemeinschaft zurück. Beda ist der frühe Verfasser, Herefrid einer seiner benannten Gewährsleute; Bedas eigenes Vorwort beansprucht keinen persönlichen Augenschein bei jeder berichteten Begebenheit.[2]

Von Lindisfarne nach Durham

Cuthbert starb 687 und wurde auf Lindisfarne bestattet. Später veranlasste die Gefährdung durch Wikingerzüge die Gemeinschaft, mit seinen Reliquien nach einem sicheren Ort zu suchen. Durham wurde ihre dauerhafte Bleibe. Die Kathedrale bewahrt das Grab hinter dem Chor. Dort verbinden sich das Gedächtnis des Bischofs, die Geschichte seiner Gemeinschaft und ein bis heute lebendiger Ort des Gebets.[3]

Die Untersuchungen von 1827 und 1899

James Raine öffnete das Grab 1827 und fand ein in Gewänder gehülltes Skelett. Die heutige Museumsdarstellung der Kathedrale dokumentiert die entnommenen Gegenstände und benennt die Eile und konfessionelle Polemik seines Vorgehens. Diese Umstände gehören zur Bewertung seiner Untersuchung ebenso wie die festgehaltenen Funde.[4]

1899 untersuchten J. T. Fowler und Dr. Selby Plummer die Überreste erneut. Die Kathedrale nennt mumifizierte Gewebereste unter anderem am Schädel sowie bei Rippen und Wirbeln. Über Material in einer Augenhöhle urteilten die Untersucher unterschiedlich. Fowlers Bericht erschien 1900 in Archaeologia. Damit sind auch die späteren Beobachtungen an bestimmte Personen, Daten und eine Veröffentlichung gebunden.[5][6]

Die Gemeinschaft und das Gedächtnis des Heiligen

Cuthberts Verehrung verbindet Mönchsleben, bischöflichen Dienst und die Fürbitte füreinander. Beda bittet am Ende seines Vorworts selbst um Gebet. Das erklärt die Nähe zwischen Lebensbeschreibung und Reliquienverehrung: Die Gemeinschaft bewahrt die Überreste dessen, dessen christliches Leben sie geprägt hat. In Durham setzt sich dieses Gedächtnis am Grab fort.[2][3]

Die zeitliche Reichweite der Zeugnisse

Der Erstbefund von 698 und die Knochen- und Gewebefunde des 19. Jahrhunderts liegen mehr als ein Jahrtausend auseinander. Dazwischen wechselten Orte und Aufbewahrungsbedingungen. Eine spätere Skelettierung erklärt daher nicht rückwirkend, was die Mönche bei der ersten Öffnung fanden. Die historische Frage nach einer zeitweiligen Erhaltung bleibt anhand der frühen Überlieferung zu beurteilen.[1][4][5]

Beda nennt einen Steinsarg, beschreibt jedoch Feuchtigkeit, Temperatur und Belüftung nicht so vollständig, dass sich die natürliche Erhaltung heute daraus rekonstruieren liesse. Seine beiden Werke überliefern denselben frühen Zusammenhang und sind keine zwei unabhängigen anatomischen Untersuchungen. Von Fowlers Aufsatz wurden der frei zugängliche Auszug und die bibliographischen Angaben geprüft, nicht der gesamte Text.[1][2][6][7]

Zeugen & Untersuchende

Die Brüder von Lindisfarne

Beobachter der Erhebung von 698

Sie fanden den Leib und meldeten den Befund Bischof Eadbert; Beda überliefert ihren Bericht.[1]

Bischof Eadbert

Empfänger des Berichts

Er erhielt ein Stück des Gewandes und ordnete die erneute Bekleidung und Beisetzung an.[1]

Beda Venerabilis

Früher Verfasser und Befrager der Gemeinschaft

Er nennt seine Arbeit mit Gewährsleuten und die Prüfung des Textes in Lindisfarne.[2]

Herefrid

Priester und Gewährsmann Bedas

Beda legte ihm den Entwurf zur Prüfung vor.[2]

James Raine

Untersucher von 1827

Dokumentierte ein in Gewänder gehülltes Skelett.[4]

J. T. Fowler und Selby Plummer

Untersucher von 1899

Beschrieben Knochen und verbliebene Gewebereste.[5][6]

Die Geschichte im Verlauf

  1. Tod auf den Farne-Inseln

    Cuthbert wird nach Lindisfarne gebracht und dort bestattet.[1][3]

  2. Erhebung

    Beda verortet hier den überlieferten aussergewöhnlichen Befund.[1][7]

  3. Suche nach einem sicheren Ort

    Die Gemeinschaft nimmt ihre Reliquien auf dem Weg in eine neue Heimat mit.[3]

  4. Zerstörung des Schreins

    Die Kathedrale erinnert an die Eingriffe unter Heinrich VIII.; das Grab bleibt erhalten.[3]

  5. Raines Untersuchung

    Knochen, Gewänder und bedeutende Gegenstände werden dokumentiert.[4]

  6. Erneute Untersuchung

    Die Überreste werden genauer erfasst und anschliessend wieder bestattet.[5][6]

Kirchliche Einordnung

Früher Exhumierungsbericht bei Beda

Beda überliefert den Erhaltungsbefund von 698 in seiner Kirchengeschichte und Cuthbert-Vita. Die Verehrung des Heiligen gehört zur alten kirchlichen Tradition; sein Grab befindet sich heute in Durham.

Das kirchliche Verfahren für diesen Falltyp →

Einwände & Antworten

Macht Bedas religiöse Deutung sein Zeugnis unbrauchbar?

Ein religiöser Standpunkt entscheidet die Zuverlässigkeit nicht allein. Für Beda sprechen die zeitliche Nähe, seine benannten Gewährsleute und die Prüfung in der Gemeinschaft. Seine Deutung als göttliches Zeichen ist von den beobachteten Eigenschaften unterscheidbar. Auch Raines spätere konfessionelle Interessen sind bei der Bewertung seines Vorgehens zu berücksichtigen.[2][4]

Widerlegt das Skelett von 1827 den Fund von 698?

Nein. Der spätere Zustand folgt nicht notwendig schon für einen Zeitpunkt mehr als tausend Jahre zuvor. Eine zeitweilige aussergewöhnliche Erhaltung setzt keine dauernde körperliche Unveränderlichkeit voraus. Der frühere Bericht benötigt seine eigene historische Prüfung; die späteren Funde dokumentieren, wie sich die Überreste bis dahin erhalten und verändert hatten.[1][4][5]

Bedeutung für den Glauben

Cuthberts erste Erhebung gehört zu den früh überlieferten Zeugnissen aussergewöhnlicher Körpererhaltung. Beda nennt eine konkrete Beobachtung und ihren kirchlichen Ablauf. Die späteren Funde in Durham ergänzen die Geschichte, während das Grab die Erinnerung an den Mönch und Bischof lebendig hält.[1][2][3]

Die Untersuchung vertiefen

Unverwestheit prüfen: Körpererhaltung und ihre Ursachen

Erhaltungszustand, Grabbedingungen und spätere Eingriffe müssen gemeinsam untersucht werden.

Untersuchungsmittel und kirchliches Verfahren →

Quellen & Nachweise

Die Angaben zu Zugänglichkeit und Aussagebereich helfen dir, die Belege selbst einzuordnen.

  1. [1] Historia ecclesiastica gentis Anglorum, Buch IV

    Beda Venerabilis; Internet Medieval Sourcebook, Fordham University · 8. Jahrhundert · Kapitel 29–30

    Frühmittelalterliche Primärquelle in älterer englischer Übersetzung.

    Quelle öffnen · sourcebooks.web.fordham.edu ↗
  2. [2] Life of St. Cuthbert

    Beda Venerabilis; Internet Medieval Sourcebook, Fordham University · 8. Jahrhundert · Vorwort; Kapitel 42

    Vorwort erläutert Gewährsleute und Prüfung. Für das Datum wird die Kirchengeschichte benutzt; die Onlinefassung enthält in Kapitelüberschriften Abweichungen.

    Quelle öffnen · sourcebooks.web.fordham.edu ↗
  3. [3] The Shrine of St Cuthbert

    Durham Cathedral

    Heutige Hüter des Grabes über Ort und Geschichte; Erzählung der älteren Körperbefunde ist keine neue Untersuchung.

    Quelle öffnen · durhamcathedral.co.uk ↗
  4. [4] 19th Century Discoveries: Opening St Cuthbert’s Tomb – Part 1

    Shaun McAlister, Durham Cathedral · 2020-03-26

    Museumsmitarbeiter erschliesst die Untersuchung von 1827 und Archivbilder.

    Quelle öffnen · durhamcathedral.wordpress.com ↗
  5. [5] 19th Century Discoveries: Opening St Cuthbert’s Tomb – Part 2

    Shaun McAlister, Durham Cathedral · 2020-03-28

    Institutionelle Zusammenfassung der Untersuchung 1899; einleitendes 1898 bezieht sich auf die Vorarbeiten.

    Quelle öffnen · durhamcathedral.wordpress.com ↗
  6. [6] On an Examination of the Grave of St. Cuthbert in Durham Cathedral Church, in March, 1899

    J. T. Fowler · 1900 · Archaeologia 57/1, S. 11–28; DOI 10.1017/S026134090001136X

    Zeitgenössische Untersuchungsveröffentlichung; frei erreichbarer Auszug und bibliographische Angaben geprüft, nicht vollständiger Aufsatz.

    Quelle öffnen · cambridge.org ↗
  7. [7] Vita sancti Cuthberti: lateinischer Text

    Beda Venerabilis; Textbereitstellung Luke Dysinger OSB · 8. Jahrhundert · Vorrede; Kapitel XL–XLII; PL 94, 733–790

    Für Datum und elfjährige Grabzeit wurde der lateinische Text geprüft. Die danebenstehende ältere englische Übersetzung enthält an diesen Stellen Fehler.

    Quelle öffnen · ldysinger.com ↗
Weiterlesen

Weitere Spuren entdecken.

Unverwestheit

Bernadette Soubirous: der Leib im Schrein von Nevers

Nevers, ehemaliges Kloster Saint-Gildard · 1879–1925; Schrein seit 1925

Am 22. September 1909 öffneten die Ärzte Charles David und Antoine Jourdan Bernadettes Sarg in Nevers. Nach rund dreissig Jahren fanden sie den Leib mit erhaltenen Körperteilen vor. Weitere Rekognitionen von 1919 und 1925 dokumentierten auch innere Gewebe. Die späteren Wachsauflagen an Gesicht und Händen gehören zur Geschichte der öffentlichen Aufbahrung; der erste ärztliche Befund entstand lange zuvor.

Ärztlich dokumentierte KörpererhaltungLesen →
Unverwestheit

Catherine Labouré: die Schwester hinter der Wundertätigen Medaille

Paris, Kapelle der Rue du Bac · 1933: Öffnung des Grabes

Bei der Graböffnung am 21. März 1933 fanden Ärzte, Geistliche und Schwestern Catherine Labourés Leib nach rund 56 Jahren erhalten vor. P. Baetemans Bericht nennt die sehr feuchte Gruft in Reuilly und beschreibt auch die erhaltenen Augen und Gewänder. Kardinal Jean Verdier begleitete die kirchliche Identifizierung. Anschliessend wurde der Leib in die Kapelle der Rue du Bac übertragen.

Kirchlich überlieferter Erhaltungsbefund von 1933Lesen →
Unverwestheit

Charbel Makhlouf: die Berichte vom Grab in Annaya

Annaya, Kloster Saint Maron · Erste Exhumierung 15. April 1899; spätere Untersuchungen und Umbettungen

Am 15. April 1899 fanden die Mönche und Zeugen bei der ersten Öffnung von Charbels Grab einen erhaltenen, weichen und beweglichen Leib vor. Wasser und Schlamm waren in die Gruft eingedrungen. Die später für das kirchliche Verfahren aufgenommenen Aussagen beschreiben diesen Erstfund und einen Flüssigkeitsaustritt. Behandlungen, weitere Untersuchungen und Veränderungen folgten in den nächsten Jahrzehnten.

Erster Erhaltungsbefund in der KlosterüberlieferungLesen →
Abbildung

Wunder · Catholon · DeutschDen passenden Prüfweg verstehen · Bildnachweise