Historische Dossiers · Deutsche Fassung

Mission und Sprachen

16.–17. Jahrhundert und ihr Erbe

Wer den Glauben verständlich verkünden wollte, musste Sprachen lernen. Daraus entstanden Grammatiken, Wörterbücher, Übersetzungen und gedruckte Bücher. Sie bewahren bis heute Wissen über Sprache und Kultur – und machen die Zusammenarbeit mit einheimischen Sprechern und Gelehrten sichtbar.

Eine Seite des Florentiner Codex: Nahua-Bildsprache und die Dokumentation einer Kultur im 16. Jahrhundert.
Eine Seite des Florentiner Codex: Nahua-Bildsprache und die Dokumentation einer Kultur im 16. Jahrhundert. Bildquelle · Gemeinfrei · Public domain
6Kapitel8datierte Stationen8Quellen

Historische Geografie · 16.–17. Jahrhundert und ihr Erbe

Mission und Sprachen auf der Weltkarte

Wer den Glauben verständlich verkünden wollte, musste Sprachen lernen. Daraus entstanden Grammatiken, Wörterbücher, Übersetzungen und gedruckte Bücher. Sie bewahren bis heute Wissen über Sprache und Kultur – und machen die Zusammenarbeit mit einheimischen Sprechern und Gelehrten sichtbar.

Die Geschichte bis1651Die Zeitleiste verschieben, um Ereignisse einzublenden
Frühere Ereignisse bleiben im weiteren Verlauf sichtbar.
Zeugnis / MartyriumKloster / OrdenshausPäpstliches Amt / WahlMission / PredigtSchule / GelehrsamkeitUrkunde / Gesetz / Erlass

8 datierte Stationen

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Chronologisches Verzeichnis · 8 Stationen
  1. 1577 · Tlatelolco / Mexiko-StadtAbschluss des Florentiner Codex →

    Sahagún und Nahua-Mitarbeiter verbinden Sprache, Bild und historische Überlieferung.

    Leistung und Nachwirkung: Die Handschrift bewahrt Kenntnisse über Gesellschaft, Natur und Kultur.

  2. 1595 · CoimbraAnchietas Tupi-Grammatik erscheint →

    Das Buch beschreibt eine Sprache der brasilianischen Küste.

    Leistung und Nachwirkung: Eine missionarische Lernhilfe bleibt als sprachhistorische Quelle zugänglich.

  3. 1607 · BeijingEuklid in chinesischer Sprache →

    Ricci und Xu Guangqi erarbeiten Definitionen und geometrische Beweise.

    Leistung und Nachwirkung: Fachbegriffe wirken in der mathematischen Sprache weiter.

  4. 1624 · Mbanza KongoSprachraum des Kikongo-Katechismus →

    Der Punkt bezeichnet den historischen Zusammenhang des Buches, nicht seinen Druckort.

    Leistung und Nachwirkung: Die Überlieferung verbindet afrikanische Sprachgeschichte mit dem europäischen Druckwesen.

  5. 1624 · LissabonDruck des Kikongo-Katechismus →

    Ein zweisprachiges Buch dient der christlichen Unterweisung im Königreich Kongo.

    Leistung und Nachwirkung: Ein umfangreicher früher Sprachtext bleibt für die Linguistik erhalten.

  6. 1639 · Guaraní-Missionsgebiet am ParanáDie Sprache hinter dem Tesoro →

    Der räumliche Bezug bezeichnet die südamerikanische Missionswelt des Werkes; gedruckt wurde es in Madrid.

    Leistung und Nachwirkung: Einheimische Sprachkenntnis bildet die Voraussetzung der lexikalischen Arbeit.

  7. 1639 · MadridMontoyas Tesoro erscheint →

    Guaraní-Wortschatz wird mit Verwendungszusammenhängen erschlossen.

    Leistung und Nachwirkung: Das Wörterbuch bleibt für das Studium der Sprache und ihrer Geschichte wichtig.

  8. 1651 · RomRhodes’ dreisprachiges Wörterbuch →

    Vietnamesisch, Portugiesisch und Latein werden in einem Druckwerk miteinander erschlossen.

    Leistung und Nachwirkung: Das Buch dokumentiert einen frühen Stand der verschriftlichten Sprache.

Kartenquellen und geografische Methode

Die Karte zeigt ausgewählte Orte des Dossiers. Frühere Ereignisse bleiben auf der Zeitleiste sichtbar; das bedeutet keine ununterbrochene Tätigkeit am jeweiligen Ort. Punkte bezeichnen Standorte näherungsweise. Die Jahreszahl einer Gründung datiert nicht automatisch alle späteren Bauwerke. Die Belege sind bei jeder Station und im Quellenverzeichnis zugänglich.

Quellen dieses Dossiers →

Zusammenhänge und Leistungen

Geschichte und Nachwirkung

Kapitel 01

Verstehen setzt Hören voraus

Missionarische Sprachkenntnis konnte nicht aus europäischen Büchern allein entstehen. Wer predigen, lehren oder beichten hören wollte, musste mit den Menschen vor Ort sprechen und ihre Ausdrucksweisen verstehen. Die später gedruckten Werke machen diese Begegnung dauerhaft greifbar, auch wenn auf dem Titelblatt häufig nur der Name des europäischen Bearbeiters steht.

Ein besonders reiches Beispiel ist der Florentiner Codex des Franziskaners Bernardino de Sahagún. An seiner Entstehung wirkten Nahua-Gelehrte, Schüler und Älteste mit. Ihre Kenntnisse und Darstellungen waren keine blosse Zutat, sondern eine Grundlage des Werkes. Die zwischen 1575 und 1577 fertiggestellte Handschrift verbindet Nahuatl, Spanisch und Bilder.

Kapitel 02

Brasilien: Eine gesprochene Sprache wird systematisch beschrieben

José de Anchietas 1595 gedruckte Grammatik behandelte die an der brasilianischen Küste gebrauchte Tupi-Sprache. Eine Grammatik ordnet Formen, Regeln und Beispiele so, dass andere sie lernen können. Damit entstand ein Werkzeug für weitere Missionare und zugleich eine historische Quelle für die Sprachwissenschaft.

Die Sprache selbst brachten selbstverständlich ihre Sprecher mit. Die Leistung des Missionars lag im Lernen, Beschreiben und Vermitteln. Alte Grammatiken müssen zudem als Beschreibungen ihrer Zeit gelesen werden: Ihre Kategorien stammen teilweise aus der europäischen Schultradition und decken sich nicht immer mit denen heutiger Linguistik. Gerade diese Spannung macht sie als Quellen interessant.

Kapitel 03

China: Eine Fachsprache für den Beweis

Bei der 1607 veröffentlichten Übersetzung von Euklids «Elementen» arbeiteten Matteo Ricci und Xu Guangqi eng zusammen. Sie übertrugen nicht lediglich Aussagen, sondern ein Gefüge von Definitionen und Beweisen. Dafür mussten Begriffe so gewählt werden, dass ein Leser den Gedankengang Schritt für Schritt nachvollziehen konnte.

Die Wirkung reicht bis in die mathematische Terminologie. Die Library of Congress hebt hervor, dass Begriffe aus dieser Übersetzung im Chinesischen weiterverwendet wurden. Xu Guangqis Mitwirkung zeigt dabei, wie entscheidend ein einheimischer Gelehrter für eine solche Leistung war. Übersetzung konnte zum gemeinsamen wissenschaftlichen Schaffen werden.

Kapitel 04

Kongo: Ein Katechismus als sprachgeschichtliches Zeugnis

Der 1624 in Lissabon gedruckte Katechismus in Portugiesisch und Kikongo wird mit dem Jesuiten Mateus Cardoso verbunden. Seine kirchliche Aufgabe war Unterweisung; für spätere Forschung besitzt der erhaltene lange Kikongo-Text darüber hinaus einen besonderen sprachhistorischen Wert. Die kritische Ausgabe von Bontinck und Ndembe Nsasi erschliesst dieses Zeugnis.

Der Druckort darf nicht mit dem Herkunftsort der Sprache verwechselt werden. Die Karte verbindet deshalb Lissabon als Ort der Veröffentlichung mit dem historischen Königreich Kongo als sprachlichem und missionarischem Zusammenhang. Ein gedrucktes Buch konnte lokale Sprache über weite Entfernungen überliefern und spätere Vergleiche ermöglichen.

Kapitel 05

Guaraní: Wörter behalten ihren Zusammenhang

Antonio Ruiz de Montoyas «Tesoro de la lengua guaraní» erschien 1639 in Madrid. Das Werk bewahrt Wortschatz, erschliesst ihn aber auch durch Verwendungen und Beispiele. Solche Zusammenhänge machen ein Wörterbuch wertvoller als eine blosse Liste vermeintlich gleichbedeutender Wörter.

Für die Geschichte der Guaraní-Sprache und der Missionen bleibt es eine wichtige Quelle. Die Sprecher waren dabei Träger einer lebendigen Sprache, deren Ausdrucksmöglichkeiten sich nicht auf den kirchlichen Gebrauch beschränkten. Missionarische Arbeit konnte Teile dieses Reichtums schriftlich festhalten; heutige Sprachpflege besitzt zugleich eigene Ziele und wird von den jeweiligen Gemeinschaften selbst getragen.

Kapitel 06

Vietnam: Druckwerke überdauern ihren ersten Zweck

Alexandre de Rhodes veröffentlichte 1651 in Rom ein vietnamesisch-portugiesisch-lateinisches Wörterbuch. Seine Anlage verbindet mehrere Sprachwelten und macht sichtbar, wie eng Mission, Sprachunterricht und Druckwesen zusammenarbeiteten. Die lateinische Schrift wurde dabei mit Zeichen zur Wiedergabe vietnamesischer Laute und Töne verbunden.

Das Buch ist ein früher bedeutender Zeuge einer Entwicklung, die weit über einen einzelnen Autor hinausging. Aus dem Erscheinungsjahr allein folgt weder eine Erfindung der vietnamesischen Sprache noch eine sofortige allgemeine Verbreitung der lateinischen Schrift. Der bleibende Beitrag solcher Werke liegt in ihrer vermittelnden Funktion: Sie bewahren frühere Sprachstände und stellen sie weiterer Lektüre und Forschung zur Verfügung.

Weiterdenken

Fragen und Einordnung

01Haben Missionare den Völkern ihre Sprachen gegeben?

Nein. Die Sprachen bestanden bereits und gehörten ihren Sprechern. Der belegbare Beitrag besteht im Erlernen, Beschreiben, Übersetzen und Drucken sowie in der Bewahrung historischer Sprachstände.

02Wozu dienen diese Bücher heute?

Sie ermöglichen Vergleiche früherer Wörter, Formen und Bedeutungen und erschliessen historische Texte. Digitale Sammlungen machen viele Originale heute unabhängig vom Aufbewahrungsort zugänglich.

03Warum Druckort und Sprachraum unterscheiden?

Ein Werk über Guaraní konnte in Madrid erscheinen, ein Kikongo-Katechismus in Lissabon. Die Karte zeigt deshalb beide Arten von Orten ausdrücklich. Eine solche Verbindung ist keine rekonstruierte Reise und keine Behauptung politischer Herrschaft.

Dokumente und Forschung

Quellen lesen

Library of Congress · Florentiner Codex

Sahagún, Nahua-Mitarbeiter und Abschluss des Manuskripts 1575–1577

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Biblioteca Nacional do Brasil · Anchietas Grammatik

Arte de gramática, 1595

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Library of Congress · Ji he yuan ben

Chinesische Übersetzung Euklids und fortwirkende Fachbegriffe

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Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte · Euklid in China

Ricci und Xu Guangqi, Ausgabe 1607

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Bontinck / Ndembe Nsasi · Le catéchisme Kikongo de 1624

Kritische Ausgabe des zweisprachigen Katechismus; sprachhistorischer Quellenwert

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Biblioteca Nacional de Chile · Tesoro de la lengua guaraní

Antonio Ruiz de Montoya; Druck Madrid 1639

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Biblioteca Pública de las Misiones · Tesoro

Wörter im Zusammenhang von Verwendungsbeispielen

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Glottolog · Rhodes, Dictionarium, 1651

Vietnamesisch-portugiesisch-lateinisches Wörterbuch, Rom

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